2021 in Frankfurt am Main


Hier findet ihr einen Rückblick auf die Zukunftswerkstatt 2021 von Jannik Zeiser aus Hannover und darunter ein paar Impressionen. Vielen Dank für die Fotos an Michael Braun (www.wuerzburg-stottert.de):

"Unter anderen Umständen wäre die Zukunftswerkstatt wohl ein Set-Up für ein eher stressiges Seminarwochenende: Zuerst die Anreise quer durch Deutschland, dann ein eng gestrickter Zeitplan und nicht zuletzt die vielen unbekannten Leute, viel Sprechen, mit mehr Namen als ich mir merken kann. Tatsächlich hat mir die ZKW auch in diesem Jahr aber Energie gegeben, die ich sogar jetzt noch, Wochen später, zu spüren meine. Woran liegt das? Zeit für einen kleinen, persönlichen Rückblick.

Zunächst mal die Anreise, als Hannoveraner kann ich da gar nicht meckern: Rein in den ICE, keine drei Stunden später in Frankfurt am Main wieder raus. Ein obligatorischer Schnelltest am Bahnhof (negativ), dann in die S-Bahn zur Jugendherberge – schon bin ich mittendrin im Flow-Wochenende!

Für mich ist es bereits die zweite Zukunftswerkstatt und ich freue mich darauf, Freund- und Bekanntschaften vom letzten Jahr wiederzutreffen. Darüber hinaus bin ich auch auf neue Gesichter gespannt, schließlich ist die diesjährige ZKW im Vergleich zu den Vorjahren noch ein wenig gewachsen – um die 50 Leute sollen es diesmal werden. Die Aussicht auf neue Bekanntschaften (und neue Vorstellungsrunden) versetzt mich üblicherweise mindestens in leichte Nervosität. Hier tut jedoch die bewährte Flow-Magie ihr Werk, wie ich aus dem vergangenen Jahr weiß. So richtig fremd ist an diesem Wochenende nämlich niemand; mit dem Stottern haben wir eine entscheidende Gemeinsamkeit. Das nimmt nicht nur Angst vor dem ersten Wortwechsel, sondern schafft auch gleich eine gewisse Vertrautheit im Umgang. 

So habe ich keine Probleme, schnell mit meinem Zimmerkollegen Jan, ein ZKW-Neuling, warm zu werden. Und selbst den abendlichen Kennenlernspielen sehe ich einigermaßen gelassen entgegen. Die finden nach der Begrüßung durch das Orga-Team im Seminarraum der Jugendherberge statt. Maskentragend, in einem großen Gewusel und Stimmengewirr laufen wir durch den Raum und tauschen uns zu vorgeschlagenen Themen aus, entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Durchaus eine Herausforderung, dabei (stotternd) zu sprechen, doch spätestens jetzt verfliegt die anfängliche Scheu. Ich versuche, mir möglichst viele Namen zu merken. Normalerweise nicht meine Stärke, aber es klappt besser als befürchtet! 

Später lasse ich mit einigen anderen den Abend bei Pizza am Mainufer ausklingen. Da zahlt sich die tolle Lage der Jugendherberge aus: Quasi mitten in der Stadt und direkt neben dem Fluss. Achja, und direkt angrenzend an ein Kneipenviertel – einen Vorzug, den wir am Samstag bis zur Sperrstunde der Jugendherberge auskosten werden.

Den Samstag starten wir mit dem bewährten Open-Space-Konzept. Es geht darum, die Kreativität der großen Gruppe möglichst erschöpfend zu nutzen. Jede*r darf Themenvorschläge für Diskussionsrunden einbringen. Ich erinnere mich, dass im letzten Jahr dabei vor allem neue Ideen und Projekte für die Zukunft von Flow besprochen wurden. Diesmal zeichnet sich ab, dass der inhaltliche Erfahrungsaustausch rund ums Stottern im Fokus steht, etwa: Wie kann Stottern in einem Sprechberuf funktionieren? Wie geht man Bewerbungsgespräche an? Welche Rolle spielt Stottern in der Partnerschaft und beim Dating? Darüber hinaus geht allerdings auch ein weiterer Flow-Urlaub in die Planung. 

Der Austausch ist bereichernd, ich finde eigene Erfahrungen und Gedanken in den Schilderungen der anderen wieder, aber lerne auch neue Perspektiven kennen. Die wichtigsten Punkte unserer Diskussionen halten wir stichpunktartig fest, um sie schließlich am Sonntag vor der großen Gruppe vorzustellen – eine Sprechsituation übrigens, die mich auch vor einer Gruppe Stotternder nervös macht.

Am Samstagnachmittag steht eine Stadtrallye an: In mehreren Gruppen ziehen wir durch die Frankfurter Innenstadt und lösen im Wettbewerb verschiedenste skurrile Aufgaben, die uns digital über Tablets gestellt werden. Dabei sehe ich zum ersten Mal Frankfurt mit seinen hohen Bürotürmen von nahem. Für mich als Niedersachse natürlich beeindruckend. Der Abend wird dann recht ausgelassen: Ich nehme an einem großen Tischtennis-Rundlauf-Battle teil, das gleich mehrere Stunden andauert. Von uns etwa zehn Spielern schaffen es zwar fast immer die gleichen ins Finale (leider nicht ich), aber wir andere stellen uns der Herausforderung mit jeder Runde aufs Neue. Später am Abend folgen dann in kleineren Gruppen Ausflüge in Frankfurter Bars und ans Mainufer. Kaum noch nötig zu erwähnen, dass Stottern längst nicht das einzige Thema des Wochenendes ist. 

Am Sonntag schließlich, noch etwas müde, starten wir wieder als große Gruppe in die letzte Open-Space-Session. Gegen Mittag dann die Verabschiedung, ein kurzes Fazit und schließlich die kollektive Abreise. Wenn auch diesmal die Gruppe zu groß war, um mit allen ins Gespräch zu kommen, hat sich dennoch eine Art Gemeinschaftsgefühl bei mir eingestellt. Und am eindrücklichsten ist wohl nach wie vor das Erlebnis, unter so vielen etwa gleichaltrigen Menschen mit meiner Art zu sprechen kein Sonderfall zu sein. Diese Erfahrung, nach Lust und Laune zu stottern, habe ich mit in den ICE zurück nach Hannover genommen; vielleicht hält sie ja bis zum nächsten Jahr auch im Alltag vor – oder mindestens bis zum BuKo."
Jannik Zeiser